Der Gewinn eines Marktes entsteht in wenigen Titeln

Die Vorstellung ist verlockend: Wer die richtigen Aktien findet, muss nicht alles kaufen. Man sucht die zwanzig guten Unternehmen heraus, lässt den Rest liegen und spart sich das Mittelmaß.

Die Daten sprechen dagegen – und zwar deutlicher, als die meisten erwarten.

Der Finanzwissenschaftler Hendrik Bessembinder hat 2018 sämtliche US-Aktien untersucht, die seit 1926 an der Börse notiert waren. Sein Ergebnis: Vier von sieben Aktien haben über ihre gesamte Lebensdauer weniger eingebracht als kurzlaufende Staatsanleihen. Und der gesamte Nettogewinn des US-Aktienmarktes seit 1926 geht auf rund vier Prozent der Unternehmen zurück.

Der zweite Satz lohnt ein zweites Lesen. Nicht vier Prozent der Rendite – der gesamte Gewinn. Alle übrigen Unternehmen zusammengenommen haben in Summe nicht mehr abgeworfen als kurzlaufende Staatsanleihen.

Daraus folgt nicht, dass Aktien schlecht wären. Es folgt, dass die Rendite eines Marktes extrem ungleich verteilt ist. Sie steckt in wenigen Unternehmen – und man weiß vorher nicht, in welchen.

Streuung ist deshalb keine Vorsichtsmaßnahme, sondern eine Voraussetzung. Wer breit streut, sichert sich nicht gegen Verluste ab. Er stellt sicher, dass die wenigen Gewinner überhaupt in seinem Depot liegen. Wer zwanzig Titel auswählt, hat gute Chancen, keinen einzigen davon zu erwischen.

Das erklärt auch, warum konzentrierte Portfolios im Durchschnitt hinter ihrem Markt zurückbleiben, obwohl dort kluge Menschen arbeiten: Ein Portfolio aus wenigen Titeln verfehlt die seltenen Ausreißer mit höherer Wahrscheinlichkeit, als es sie trifft. Die Verteilung arbeitet gegen die Auswahl.

Was das praktisch bedeutet. Zwei Aktienfonds sind nicht automatisch doppelte Streuung. Wenn beide dieselben dreißig Großunternehmen als größte Positionen halten – und das kommt häufiger vor, als es aussieht –, ist die tatsächliche Streuung deutlich geringer, als die Zahl der Fonds vermuten lässt. Genau das sehen wir uns im Depot-Check an.

Und was Streuung nicht kann. Sie schützt nicht vor Verlusten. Wenn die Märkte fallen, fällt ein breit gestreutes Depot mit. Streuung sorgt dafür, dass ein einzelnes Unternehmen Sie nicht ruinieren kann – nicht dafür, dass es keine schlechten Jahre gibt.

Quelle: Hendrik Bessembinder, „Do Stocks Outperform Treasury Bills?“, Journal of Financial Economics, Band 129, Ausgabe 3 (2018), Seiten 440–457. Untersucht wurden US-Aktien im CRSP-Datensatz seit 1926.

Dieser Beitrag ist eine allgemeine Information und keine Anlageberatung, keine Empfehlung und kein Angebot. Kapitalanlagen können im Wert schwanken und Verluste verursachen. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Hinweis auf künftige Ergebnisse.

Wie breit Ihr eigenes Depot tatsächlich gestreut ist – und wo sich Ihre Fonds überschneiden – zeigt der Depot-Check.